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Mobilität neu denken

Eine Stellungnahme zur Verkehrswende in unserer Stadt

Lütticher Straße, Ludwigsallee, das Thema Verkehr ist in der Stadt präsent und wird intensiv diskutiert. In den letzten Wochen haben besonders die Umbauplanungen an den gerade genannten Straßen die Gemüter erhitzt. Dabei geht es um wegfallende Parkplätze, zu fällende Bäume, wegbrechende Kundschaft, ausreichend breite bestehende Radwege und vieles mehr.

Die Thematik bewegt die Menschen sehr. Es wird über ganz persönliche Aspekte diskutiert, die die Bürger in ihrem Alltag beeinflussen. Wir möchten an dieser Stelle darauf aufmerksam machen, dass es bei der Umverteilung von Straßenraum in Aachen nicht nur um die Umsetzung des Radentscheids geht, sondern um eine viel größere Herausforderung: Die Minderung von Treibhausgasemissionen und damit die Minderung von menschengemachten Auswirkungen auf unser Klima. Bei dieser Aufgabe sind alle gefragt und wir alle müssen unseren Beitrag leisten. 

32% (2018) der Aachener CO2-Emissionen (CO2-Äquivalente) sind auf den Verkehrsbereich zurückzuführen, der Ausstoß im Verkehr ist seit 1990 um rund 19% gestiegen, wohingegener in den anderen großen Bereichen “Strom” und “Wärme” um 37,8% bzw. 29,3% gesunken ist.

In Anbetracht dieser Zahlen müssen wir uns fragen, wie wir die Emissionen im Verkehrsbereich verringern und eine ökologische Verkehrswende einleiten können. Sicher ist, dass wir als Bürger*innen durch unser Verhalten die städtischen CO2 – Emissionen reduzieren können. Tatsächlich lässt sich das im Verkehrsbereich besonders einfach und schnell umsetzen. Im ersten Schritt sollte abgewogen werden, welche Wege mit starken Emissionen überhaupt erforderlich sind. Und dann alles dafür getan werden, dass sich Mobilität klimafreundlich verändert.

Konflikte, wie momentan an der Lütticher Straße, sollten wir nicht nur aus einer persönlich-kurzfristigen, sondern insbesondere aus einer klimatischen und umwelttechnischen Perspektive beleuchten. Im Endeffekt sollte es nicht heißen: Radwegbreite gegen Parkplätze gegen Bäume. Die Devise lautet vielmehr Kompromisse schließen und die Trendwende im Stadtverkehr einleiten. Wie können wir dies nun bewerkstelligen?

Die gesamte Verkehrsfläche ist so umzugestalten, dass zunächst die schwächsten Verkehrsteilnehmer, also alte Menschen, Menschen mit körperlichen Einschränkungen wie Geh- und Sehbehinderung und Kinder, geschützt werden und sich sicher fühlen können. Dafür gilt es breite und durchgehende Gehwege zu schaffen und ein ausgeglichenes Mit- und Nebeneinander von Fußgängern und Radfahrenden zu erwirken.

Die starke Nutzung der Bike-Sharing-Angebote sowie die stetig wachsende Anzahl an Lasten- und Elektrorädern zeigen die Freude der Aachener*innen am Radfahren. Dafür gilt es nun die passende Radinfrastruktur zu schaffen.

Klar ist, dass Fahrradfahrende sich durch breitere und vom Kfz-Verkehr getrennte Radwege sicherer fühlen. Viele werden daher häufiger oder gar ganz auf das Auto verzichten. Beispiele aus dem In- und Ausland wie Münster und Maastricht zeigen, dass durch eine fuß- und radfreundliche Verkehrsgestaltung sowie ein umfangreiches ÖPNV-Angebot der Anteil des nicht-motorisierten Verkehrs deutlich ansteigt. Der ÖPNV in Aachen sollte daher massiv ausgebaut werden, Vorrang vor dem motorisierten Individualverkehr (MIV) haben und für alle bezahlbar sein.

Die Stadtplanung der letzten Jahrzehnte war auf den Autoverkehr fokussiert. Überall in der Stadt wird viel öffentlicher Raum für parkende Kfz genutzt. Jetzt hat ein unausweichlicher Wandel in der Verkehrs- und Stadtplanung begonnen, der die Flächen umverteilt. Dem MIV wird Raum entzogen und kommt dem Radverkehr, ÖPNV, Fußverkehr und dem Stadtgrün zu Gute. Es muss ebenfalls Konzepte für diejenigen Bürger*innen geben, die nicht mehr so gut zu Fuß sind und für die auch die nächste Bushaltestelle zu weit entfernt ist. Hier bieten sich Konzepte an, bei denen die Personen zu Hause abgeholt und zu ihrem Ziel (z.B. Supermarkt, Hausarzt) gefahren werden. Der Preis dafür sollte einem ÖPNV-Tarif entsprechen. Vorstellbar ist auch, dass dabei Fahrradtaxis zum Einsatz kommen. Ganz konkret könnten das überdachte Rikschas mit Elektrounterstützung sein. Außerdem hoffen wir, dass die Entfernungen zur nächsten Bushaltestelle mit dem Ausbau des ÖPNV-Netzes kleiner werden.

Das ist der Beginn einer Veränderung, bei der wir alle aufgerufen sind mitzumachen. 

Es handelt sich dabei nicht um einen gedankenlosen oder machtpolitischen Angriff auf Autofahrende. Im Gegenteil, es geht um die notwendige Einleitung einer ökologischen Verkehrswende, die letztendlich für uns alle einen großen Gewinn bedeutet. Sei es der Spaß an Bewegung im Freien oder die Förderung der eigenen Gesundheit durch körperliche Aktivität, Lärmvermeidung und saubere Luft. Auch der positive Effekt von Stadtgrün auf das Lebensgefühl, die psychische Gesundheit und das Stadtklima ist nicht zu unterschätzen. Zudem könnte durch freiwerdende Parkflächen mehr öffentlicher Raum für Kultur und Gastronomie genutzt werden.
Wir müssen umweltbewusste, aktive Mobilität der gesamten Bevölkerung erreichen um die Pariser Klimaschutzziele einhalten zu können. Nur so erhalten wir unsere Lebensgrundlagen für nachfolgende Generationen.

Temporärer Radweg

2 Gedanken zu „Mobilität neu denken“

  1. Ursula Zimmer-Richter

    Als Radfahrende Ü 70 Jährige, inzwischen ohne Auto, stimme ich der Stellungnahme des Runden Tisch voll und ganz zu und freue mich auf gute und sichere Radwege.
    Was mir Sorge macht sind die fehlenden bzw nicht ausreichend kommunizierten Angebote an meine Altersgruppe, die nicht mehr Fahrrad fahren kann und für die der Fussweg zur nächsten Bushaltestelle zu weit ist. Ich weiß aus Gesprächen, dass da etwas Panik entsteht, den Facharzt oder das spezielle Geschäft oder auch nur das Cafe in der Innenstadt nicht mehr erreichen zu können. (Autofreie Innenstadt ab dem Alleen Ring).
    Also, die Konzepte sind da, sonst lohnt sich da auch der Blick nach Maastricht. Aus meiner Sicht wäre es gut, zu jeder verkehrspolitischen Forderung die Lösungen für Ältere, Mütter mit kleinen Kinden usw immer gleich mit vorzustellen. Die Verkehrswende gelingt nur mit guter Kommunikation und es macht mir Sorge, dass es vergeigt werden könnte.
    Die andere Seite kann leider auch Bürgerbegehren bzw Entscheide, wie sich gerade in Wiesbaden bei der Ablehnung Stadtbahn gezeigt hat.

    1. Hallo Frau Zimmer-Richter, sie haben völlig recht damit, dass wir für eine erfolgreiche Verkehrswende gute Konzepte und Kommunikation benötigen.
      Der von Ihnen angesprochene Aspekt zu Personen, die nicht mehr so gut zu Fuß sind, ist unseres Erachtens ganz wichtig. Es handelt sich dabei um eine große Bevölkerungsgruppe, für die bisher wenig Konzepte vorgelegt wurden. Leider waren auch wir in der Stellungnahme nicht darauf eingegangen. Da dieser Punkt aber von großer Wichtigkeit ist, haben wir einen Absatz (im letzten Drittel) hinzugefügt, in dem wir auf genau diese Thematik eingehen.
      Ich denke nicht, dass man bei einer „autofreien Innenstadt“ gehtechnisch eingeschränkten Personen direkt bedingungslos die Autofreikarte geben sollte. Auch hier muss es klimaverträgliche Lösungen geben. In unserem neuen Absatz sind wir auf bezahlbare Taxikonzepte eingegangen. Dabei muss nicht unbedingt der PKW als Verkehrsmittel dienen, eine Rikscha ginge zum Beispiel auch.
      Grüße, Laurenz Lehmann

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